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Kanon

Hinweis: Die Rezension bezieht sich auf einen Kanon-Roman!

Wenn Han Solo und Lando Calrissian gemeinsam zu einem großen Abenteuer aufbrechen, erwarte ich wilde Schießereien, leidenschaftliche Romanzen, Glücksspiel und viele bissige Sprüche. Zumindest in dieser Hinsicht hat Daniel José Older mit seinem ersten Star-Wars-Roman Letzte Chance abgeliefert.

Das Buch besteht aus fünf Teilen, über die sich vier Handlungsbögen erstrecken:

  • Die Haupt-Storyline, die als „Heute“ gekennzeichnet ist, spielt zwei Jahre nach der Schlacht von Jakku, also drei Jahre nach Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter (7 NSY). Sowohl Han als auch Lando genießen ein verhältnismäßig ruhiges Leben als Helden der Rebellion. Während Lando eine Droiden-Manufaktur in der Wolkenstadt übernommen hat, hat Han sich von Leia zu einer Arbeit für die Bürokratie der Neuen Republik überreden lassen und kämpft mit seiner Rolle als Vater des jungen Ben (zu dieser Zeit noch ein harmloses Kleinkind). Diese Ruhe wird jäh unterbrochen, als Landos Protokolldroide von einem Fremden zum tollwütigen Attentäter umprogrammiert wird, der droht, in der Wolkenstadt ein Massaker anzurichten, sollte ihm der Besitzer des Millennium Falken nicht ein Gerät mit der Bezeichnung Phalanx-Reduxtransmitter zurückbringen, mit dem sich Droiden manipulieren lassen und das er ihm vor zehn Jahren gestohlen habe. Der Clou ist, dass Lando zu dieser Zeit der Falke schon gar nicht mehr gehört hat... sondern Han. Deshalb stattet Calrissian seinem alten Schmuggler-Freund einen wütenden Überraschungsbesuch ab und fordert seine Hilfe ein. Han, froh über eine Abwechslung zu seinem öden Alltag, bricht daraufhin mit Lando und einer neuer Crew zur Suche nach dem Phalanx auf.
L3 Aufstand

L3-37 in Solo

  • Die drei anderen Storylines dienen als Flashbacks und ergeben zusammengesetzt die Geschichte des Phalanx:
    • Zum einen wird erzählt, wie das Gerät zwanzig Jahre zuvor (13 VSY) von dem wahnsinnigen Pau'anischen Medizinstudenten Fyzen Gor entwickelt wurde.
    • Fünf Jahre später (8 VSY) erregt es die Aufmerksamkeit von L3-37, die als Vorkämpferin für Droiden-Emanzipation eine große Gefahr darin sieht. Gemeinsam mit dem jungen Lando geht sie einem Hinweis nach und macht eine schreckliche Entdeckung.
    • Zehn Jahre später (3 VSY) soll der Phalanx auf einer Unterwelt-Auktion versteigert werden, verschwindet jedoch, als eine Schießerei ausbricht. Sana Starros, die von einem Verbrecherkartell engagiert wurde, ihn zu beschaffen, überredet den jungen Han ihr bei ihrem Auftrag zu helfen. Tatsächlich finden sie das Gerät, verlieren es aber kurz danach wieder. Und Han denkt nicht weiter darüber nach, bis Lando zehn Jahre später vor seiner (Balkon-)Tür steht und sich der Kreis so schließt.

Wie man sehen kann, ist die Handlung sehr verworren und es wird ohne Vorwarnung von Kapitel zu Kapitel zwischen den Zeitebenen und zusätzlich noch den Perspektiven der Charaktere hin- und hergesprungen. Daher muss man sehr konzentriert lesen, um den Überblick zu behalten. Vor allem die ersten hundert Seiten ziehen sich ziemlich, da man quasi vier Expositionen nacheinander überstehen muss. Wenn man es bis Teil 5 geschafft hat, wird man dafür mit einer Enthüllung nach der anderen belohnt und man erkennt, dass der vom Autor gewählte Aufbau sehr clever war. Wer Angst hatte, dass ich schon zu viel gespoilert hätte, kann daher unbesorgt sein. Die Wendungen aus dem Buch zu beschreiben, wäre ein bisschen so, wie im Jahr 1977 einem Freund vom allerersten „Star Wars“-Film zu erzählen: Man kann es nur verstehen, wenn man es selbst erlebt und vor allem gefühlt hat. So ergibt sich gerade das Geheimnis um den Phalanx, hinter dem wesentlich mehr steckt, als es den Anschein macht, aus der Handlung selbst. Nichtsdestotrotz hätte man die ersten vier Teile bestimmt so umstellen können, dass man etwas länger am Stück in einem Setting verweilt, und nach einem Wechsel das bisherige Geschehen der neuen Zeitebene kurz in erlebter Rede rekapitulieren können.

Han und Lando als Hauptcharaktere sind grundsätzlich gut ausgearbeitet und man spürt, dass sie zwischen den Zeitebenen gealtert sind. Lando, dessen Verrat in Episode V – Das Imperium schlägt zurück übrigens angesprochen wird, beschäftigt sich mit der Frage, ob er endlich dafür bereit ist, sich mit einer Frau nieder zu lassen, während Han mit Leia, die überall ihre Finger im Spiel hat, zum Wohle ihres Sohnes einen Kompromiss aus ihren unterschiedlichen Lebensstilen finden muss. Hier wird der Grundstein gelegt für Hans spätere Zeit-für-sich-Ausflüge. Etwas out-of-character fand ich, dass er so arg oft beleidigt und motzig war. Beim Beschreiben der Gedanken von Droiden gibt sich Older besonders viel Mühe — er lässt sie beinahe schon zu menschlich wirken. Fyzen Gors Persönlichkeit ist im Vergleich dazu als typisch verrückt gewordener, größenwahnsinniger Wissenschaftler erstaunlich simpel gehalten (er ist fast schon mehr MacGuffin als Antagonist). Er schwebt (wortwörtlich) zwar über der gesamten Handlung, hat aber relativ wenig tatsächliche „Screentime“, was sein abruptes „Ende“ (ich habe es erst glatt überlesen) umso passender macht. Als Leser ist man nach über vierhundert anstrengenden Seiten genau wie die Helden an dem Punkt angelangt, dass das Abenteuer jetzt aber auch mal vorbei sein muss.

Last Shot Comic Con

Daneben gibt es natürlich auch noch neue Charaktere, die jedoch im Schatten der Hauptcharaktere bleiben, wie ein Solo-Imitator/Pilot-Charakter mit schlechtem Musikgeschmack (dessen nicht-binäre Geschlechtsidentität im Englischen mit der Verwendung des neutralen Pronomens „they“ hervorgehoben wird, in der deutschen Übersetzung aber leider komplett übergangen wird), eine taffe Twi'lek-Kämpferin, eine launische Ewok-Slicerin mit mauer Erfolgsquote, ein Ugnaught-Droidenexperte, der die meiste Zeit schläft, und selbstverständlich Chewie (ein Wookiee für alle Fälle) und viele weitere eigentümliche Personen. Insgesamt ist der Schreibstil des Autors recht angenehm zu lesen und vor allem seine Dialoge wirken sehr locker und natürlich. Er nimmt seine Figuren nicht zu ernst und so entstehen lustige, selbst-ironische Situationen.

„Letzte Chance“ wurde als Vorgeschichte zu Solo: A Star Wars Story vermarktet — wie so oft bei Star-Wars-Tie-ins in der Disney-Ära hat das Buch bis auf ein paar gemeinsame Charaktere aber nur sehr wenige Überschneidungen mit dem Film und man hat das Gefühl, dass der Autor diesen nicht vorab sehen hat dürfen. So wird zwar die legendäre Sabacc-Partie kurz angesprochen, aber zentrale Elemente wie Beckett, Qi'ra, das Coaxium oder, wie Han und Chewie sich begegnet sind, werden nicht mal erwähnt. Zumindest der Charakter von L3 wurde aber gut getroffen. Da das Buch ein in sich geschlossenes Abenteuer ist, hält sich auch die Relevanz für den restlichen Kanon in Grenzen. Neben Sana Starros, die aus zahlreichen Comics bekannt ist, tritt zwar noch eine Figur aus der Aftermath-Trilogie auf — da aber auf ihre früheren Geschichten kaum eingegangen wird (ich habe beispielsweise die Comics mit Sana noch nicht gelesen und weiß jetzt immer noch nicht richtig, wer sie eigentlich ist und wie sie zu Han steht), hätte man hierfür genauso gut unbekannte Charaktere verwenden können. Wirklich neue Informationen zum Zustand der Post-Endor-Galaxis bekommt man auch nicht. Am ehesten könnte ich mir noch vorstellen, dass die von Gor entwickelte Droidenphilosophie in anderen Werken aufgegriffen wird. Sehr schade finde ich, dass man die Chance vergeudet hat, in die Haupt-Storyline den Falken mit der „wiedergeborenen“ L3 einzubauen. Wie Lando L3 von ihrem Vermächtnis erzählt, wäre eine schöne emotionale Abschlussszene gewesen und hätte alles irgendwie abgerundet.

„Letzte Chance“ ist ein Roman, den man sich wirklich erarbeiten muss, indem man die Handlung Stück für Stück zusammensetzt. Wenn man sich diese Zeit aber nimmt, wird man mit einer launigen, gut durchdachten Geschichte belohnt.

Hier findet ihr weitere Blogs zum „Thema Solo“:

SOLO in der Jedipedia


Letzte Chance Cover

Deutsches Cover

  • Letzte Chance wurde von Daniel José Older geschrieben und erschien im April 2018 als Vorgeschichte zu Solo: A Star Wars Story bei Del Rey in den USA.
  • Die deutsche Paperback-Ausgabe hat 464 Seiten und wurde von Andreas Kasprzak übersetzt. Sie ist seit dem 16. September 2019 für 14 € (Preisempfehlung des Verlags) bei Blanvalet in Deutschland erhältlich. (Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!)


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Die Umfrage wurde am 11. Dezember 2019 um 21:03 erstellt. Bisher haben 2 Nutzer abgestimmt.
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